Presto ist eine Komposition für zwei Geigen, in der eine Anzahl kontrastierender musikalischer Texturen in der Form aufeinandertreffen, daß jede einzelne dieser Texturen im Verlauf des Stückes ausschließlich von einem Spieler interpretiert wird, also nicht alternierend mal von diesem, mal von jenem. In diesem Sinne gibt es keine direkte Kommunikation zwischen den beiden Partien, wie sie zum Beispiel eine Disposition nahelegen würde, in der ein Motiv mal in der einen und mal in der anderen Stimme erscheint, sondern die Partien stehen unvermittelt nebeneinander. Nichtsdestoweniger ist es aber dadurch, daß sie gleichzeitig erklingen, unausweichlich, daß sie sich gegenseitig beeinflussen. Das wird besonders in den Augenblicken, in denen die Textur einer der Stimmen durch eine andere Textur abgelöst wird, während die andere Stimme ihre Textur nicht verändert, deutlich, weil sich dann auch die Wirkung der eigentlich unveränderten Textur ändert.

Kontrastierung erstreckt sich in Presto selbst auf diejenigen Aspekte der beiden Partien, die ihnen auf den ersten Blick durch die Benutzung zweier gleicher Instrumente gemein zu sein scheinen. Das sind die Gleichheit der instrumentalen Klangfarbenpalette, sowie die Gleichheit der spieltechnischen Möglichkeiten. Aber auch diese zunächst einheitlichen Bedingungen sind in der Komposition weitgehend aufgespalten und dann einzelnen Partien zugeordnet worden. Das erscheint am Klarsten in der Gegenüberstellung von Zupfen und Streichen und in der Verzerrung der Instrumentalcharakteristik einer der Geigen durch die Auswahl einer anderen Saitenstimmung, wodurch die spieltechnischen Schwierigkeitsgrade vieler Tonverbindungen verändert werden.

Ein deutliches Beispiel für die Differenzierung der Gestik und Dramatik der beiden Partien ist die Kombination der sich allmählich, stufenweise steigernden gezupften Teile, die eine Art Rezitation mit Mandolinenbegleitung über einem ostinato sind, mit den willkürlich erscheinenden Permutationen von vier kürzeren, untereinander kontrastierenden Segmenten. Das zuerst erscheinende dieser vier Segmente bietet spieltechnische Grenzüberschreitungen von gewisser Brutalität. Da erscheint das durch hohen Bogendruck und langsame Bogenführung erzeugte Kratzgeräusch, welches die konkrete Tonhöhe geräuschhaft verdeckt, dann glissandi, durch die jede Form von gestimmter Skalenordnung eingeebnet wird, Repetitionen von gehämmerten Akzenten, die alle mit Abstrich gespielt werden, also den organischen Wechsel von Auf- und Abstrich zugunsten maximaler Kraftausübung aufgeben und Bartók-pizzicati, bei denen die Seite so stark lotrecht zum Griffbrett gezupft wird, daß sie schmetternd auf dieses aufschlägt.

Durch die verschiedenen Kombinationen der einzelnen Texturen entstehen immer wieder neue Wechselwirkungen und Formen. Die Großform des gesammten Stückes ist leicht anhand des Wechsels einer der Partien von gezupfter zu gestrichener Spielweise, zurück zum Zupfen und erneut zum Gebrauch des Bogens zu verfolgen.

(Stefan Hakenberg, 1994)