"Niemand darf seinen Wohnort" verlassen wird ernstere Emotionen wachwerden lassen. Hier erzählt die Musik primär keine Geschichte, sondern zielt auf eine Versinnlichung der Bildinhalte selbst ab. Der Titel des Werkes, einem Kommentar zu einer Fotografie entnommen, der wohl eine Anordnung alliierter Militärbehörden der Nachkriegsjahre wiedergibt, spielt an auf die Beschränkung der Reisefreiheit, die seinerzeit über weite Gegenden verhängt wurde, und auf die dadurch unterbundene Möglichkeit der Emigration. Die vier Bilder evozieren die Stationen einer Emigration: Armut, karge Natur, Mißernte, Hunger im ersten Bild, Dampferfahrt und Auswanderung im zweiten, Boxkampf als Metapher für das Sich-Durchschlagen in der Fremde im dritten und Familienglück als Symbol für das Nachholen des verpaßten im vierten Bild. Das Verhältnis von Bild und Musik ist hier mehr abstrakt denn konkret. Die Kargheit des Bildes wird einem kargen, minimalistischen musikalischen Stil gegenübergestellt, das Grenzüberschreitende einer „grenzüberschreitenden“ musikalischen Form, deren Umrisse nicht von vornherein starr festgelegt sind. Die Zeit, die vergeht, bis die beiden Akkordeonspielerinnen die Bälge ihrer Instrumente ganz geschlossen bzw. ganz geöffnet haben, dient als Maßstab für den formalen Ablauf des Stücks. Beide Spielerinnen spielen identische Formabläufe, die dann aber allmählich aleatorisch auseinanderdriften. Im dritten Stück, zum Bild des Boxkampfes, sind die Regeln „Spielregeln“ im doppelten Sinn des Wortes „Spiel“. Hier können die Spielerinnen denn auch tatsächlich gewinnen. In den „Spielregeln“ der Partitur heißt es: „Ziel des Spieles ist es, einen Einzelton zu spielen, während der andere Spieler den Balg öffnet. Gelingt das einem Spieler zum dritten mal, ist das Stück beendet“. Die wiedererlangte heile Welt des vierten Bildes äußert sich durch schönklingende Musik."

(Christoph Neidhöfer im Programheft zu "'Ein Dampfer landet an.' Porträtkonzert Stefan Hakenberg", Essen 1998)