Aus drei ganz unterschiedlichen Textquellen entspringt Stefan Hakenbergs Liederzyklus Oder River Image. Der Fluss ist hier zugleich thematische Klammer und poetisches Bild – für den beständigen Wandel der Bewegungsmuster, der Fließgeschwindigkeit, der musikalischen Aggregatzustände. Das erste Lied ist die Vertonung eines Gedichtes des Kölner Schriftstellers Günter Becker, in dem er eine graue Nebellandschaft an der Oder beschreibt. Das zweite Lied erzählt in den Versen von James Tate die bizarre Geschichte des Chicago River, dessen Fließrichtung im Jahre 1900 gewaltsam umgekehrt wurde: Während er zuvor in den Michigan See mündete, endete sein Lauf nun im Mississippi River. Dieses Lied verwendet das gleiche musikalische Material wie das erste – eine Parallele, die dem Hörer aber erst im weiteren Verlauf deutlich wird, da Hakenberg das sanfte Wellenspiel des ersten Liedes im zweiten zunächst mit scharfkantigen Rhythmen kontrastiert. Nochmals verwandelt erscheint das musikalische Material im dritten Lied, dem ein Text der koreanischen USA-Immigrantin HyeShin Han zugrunde liegt. Aus den fragilen Versen scheinen vieldeutige Metaphern hervor: verwehte Vogelfedern, tanzende Schneeflocken. Es sind poetische Bilder der Einsamkeit, die der Komponist mit einander überlagernden Serien von Tonrepetitionen und oszillierenden Figuren einfängt.

(Stefan Rütter, 2010)