Jet-Black and Silver – Programmhefttext

Jet-Black and Silver war mein erstes Stück für shakuhachi. Ich habe es 2006 für Dr. Takashi KOTO und seine Konzertreihe Evening of Shakuhachi and Koto Music in Boston geschrieben. Dort haben der shakuhachi-Spieler Marco LIENHARD, der seither alle vier meiner Kompositionen für shakuhachi und koto uraufgeführt hat, und die von allen vermisste Ryuko MIZUTANI Jet-Black and Silver zum ersten Mal aufgeführt.

Für shakuhachi zu komponieren fällt mir nicht leicht. Das Instrument ist mit seinem Repertoire und seiner Ideologie tief in alter Kultur verwurzelt. Gleichzeitig ist seine Klangpalette stark vom Spieler im Moment der Aufführung abhängig. Spiel mit der Unwägbarkeit in der Klangerzeugung und die Ausstellung von Klängen in ihrer naturhaften Erscheinung sind, neben einer dem Buddhismus verbundenen Atemmeditation, Bestandteile klassischer shakuhachi-Ästhetik.

Um mich als Komponist dem shakuhachi zu nähern, begann ich eine shakuhachi-Schule zu lesen. Deren erste Kapitel beschreiben den Bau des Instrumentes, seine Geschichte und Notation. Unter der überschrift Üben und Lernen mit den Klassikern werden anschließend an Hand der alten Liedkomposition Kurokami Fingergriffe und Atmung erklärt.

An dieser Stelle schlug mein shakuhachi-Studium in meinen Kompositionsprozess um. Einer englischen Übersetzung von Kurokami entnahm ich den Titel Jet-Black and Silver. Die Worte “Jet-Black” und “Silver” beschreiben Haarfarben, zum einen die einer jungen Dame, zum anderen die eines alten Herrn, die im Gedicht in Liebe verbunden sind. Der Altersunterschied gibt einerseits Anlass zu melancholischer Betrachtung, aber der Kontinuität und Regelmäßigkeit des Werdens und Vergehens verleiht die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Stadien des Alterns in unserem Leben auch Dynamik und Erlebnisvielfalt.

Aus dieser Betrachtung des Textes von Kurokami habe ich Ideen für die Komposition abgeleitet, um das Nebeneinander von Jung und Alt als essentiellen Aspekt unseres Lebens, zu reflektieren. So gibt es aufsteigende und absteigende Linien und Texturen, die, obwohl kanonisch verbunden, schließlich auseinander driften. Die beiden Instrumente spielen mal miteinander, mal getrennt von einander. Dabei erklingen die fest gespannten Saiten des koto, besonders in zwei expansiven Solo-Teilen, mit soliden Akkorden und virtuoser Mehrstimmigkeit und tremolierender Klangfülle. Die shakuhachi-Partie dagegen ist eine Meditation über Atemmaß und Phrasenlänge.

(Stefan Hakenberg, 2012)


Jet-Black and Silver – Program Notes

This is the first opportunity for me to write for shakuhachi. I have been hoping for this opportunity for a long time -- at least since I had the first chance to write for koto -- about eight years ago. "Strands" for trombone and koto was the first of a number of compositions I wrote for koto, but this is the first time I have written for koto and shakuhachi.

I started by consulting players, listening to recordings, and beginning to read a book that explained the construction and history of the shakuhachi and how to play it.  At a point in the book, the method turned from explanation to "Practicing with the Classics." The student was encouraged to begin studying a real piece of the classic shakuhachi repertoire and keep on learning that way. I decided to do so myself, but in a composer's way. I took hints about the first piece of study in the book and made them the foundation of my composition. It was said to have a well-known poem as its foundation: "Kurokami."  That made it easy for me. I found an English translation of the text and let myself be inspired by its words and poetry, which depicted the relation between a young girl and her fickle and aging lover.

(Stefan Hakenberg, 2006)