Bezifferte Kreuze ist eine langsame und getragene Komposition. Die Musik zieht in stetigem und bedächtigem Tempo, etwa wie ein Trauerzug, an uns vorbei.

Sie ist einer Filmmusik entnommen, die ich für den Dokumentarfilm Solving for X des Filmemachers Theo Lipfert im Laufe des letzten Jahres komponiert und produziert habe. In dem Film geht es um eine Gruppe von Statistikern, die sich der Aufklärung und Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen widmet. Ein großer Teil des Films kreist dabei um die Kriegsverbrechen im früheren Jugoslawien. Das Hin-und-Herwogen der Gewalttaten führte dort immer wieder dazu, dass Gräber in der Eile nur notdürftig mit Grabmarkierungen, wie zum Beispiel Kreuzen, gekennzeichnet wurden. Diese tragen oft keine Namen, sondern sind lediglich beziffert.

Im Film bemühen sich die Statistiker mit ihren rationalen Werkzeugen der Logik und Mathematik das Ausmaß der unfassbaren Untaten und des emotional unermesslichen menschlichen Leidens genau zu erfassen und darstellbar zu machen. Im Filmportrait ihrer Arbeit wird deutlich, wie die Emotionalität letztendlich durch kein rationales Mittel erfasst werden kann, ganz egal, wie genau es ist. Ich sehe darin eine Parallele zu meiner Arbeit als Komponist, denn auch da bemühe ich mich meine Emotionen der Trauer um die Opfer und mein Mitleid für die Hinterbliebenen mit meinem musikalischen Handwerkszeug möglichst genau darzustellen. Zu diesem Handwerkszeug gehören Harmonien, die rational über Basstönen beziffert werden können, sowie Vorzeichen, etwa Kreuze, zur genauen Alternierung der Tonhöhen. Am Ende steht jedoch immer nur ein Notentext und keine wirklich klingende Musik. Um sie erklingen zu lassen bedarf es der Emotionalität der Interpreten.

(Stefan Hakenberg, 2012)