„WIE GEHEN WIR MIT VERLUSTEN UM?“

Ein Gespräch mit dem Komponisten Stefan Hakenberg über seine Oper „The Amputation of Charlie Sharp“

NOW!: Sie haben bei Hans Werner Henze und damit bei einem Komponisten studiert, der sich konsequent den strengen Moden der Neuen Musik-Szene entzogen hatte. Wie hat Henzes Offenheit, sein künstlerischer Bewegungsdrang Sie beeinflusst?

Stefan Hakenberg: Ich würde mich als einen Komponisten verstehen, der tatsächlich gegenüber allen Möglichkeiten von Musik und Klang offen ist. Mir ist daher bis heute extrem zuwider, wenn musikalische Dogmen, wie sie lange in der Neuen Musik und etwa auch bei den Darmstädter Ferienkursen herrschten, dann sogar in Unterdrückungsmechanismen umschlagen. Kurioserweise arbeite ich nun auch schon seit 2009 ausgerechnet in der einstigen Avantgarde-Festung Darmstadt und leite dort die Städtische Musikschule der Akademie für Tonkunst.

NOW!: Wie Henze arbeiten ja auch Sie als Komponist regelmäßig mit Laienmusikern und Kindern zusammen. Geht dieses Interesse ebenfalls auf Ihren alten Lehrer zurück?

S.H.: Sicherlich. Aber in den meisten Fällen bin ich gefragt worden, ob ich zu einem bestimmten Projekt die Musik schreiben will. Wie jetzt auch im Fall meiner zweiaktigen Oper „The Amputation of Charlie Sharp“, für die ich mir im Vorfeld auch den Stoff aussuchen konnte. Ich habe seit meinen Anfängen ein Gespür entwickelt, wie man für bestimmte Ensembles oder bestimmte Kombinationen von Musikern interessante Musik komponieren kann. Das hat im Laufe der Zeit, auch in den verschiedensten Lebenssituationen, zu den verschiedensten Blüten geführt. Bei Henze haben wir beispielsweise gelernt, für Ensembles mit Blockflöten zu schreiben oder für Mandolinen. Später wurde ich dann beispielsweise während meiner Zeit in den USA von asiatischen Musikern angesprochen. Und als ich 1999 in Alaska ein Festival für Neue Musik gegründet habe, gab es da zunächst keine festen Ensembles im klassischen Sinne. Daher habe ich zu Beginn für unser Quartett, das aus Flöte, Violine, Viola und Euphonium bestand, Stücke geschrieben. Diese Vielseitigkeit ist zum Teil meiner Arbeit geworden.

NOW!: Sie haben einmal als Ihr musikästhetisches Ideal die Integration divergierenden Materials beschrieben. Spiegelt auch Ihre neue Oper „The Amputation of Charlie Sharp“ etwas von diesem Credo wider?

S.H.: Wenn man darunter auch die ständige Bewegung des musikalischen Materials versteht, auf jeden Fall. Ich habe bei „Charlie Sharp“ versucht, den unterschiedlichen Personen mit ihren Charakteren jeweils eine musikalisch besondere Identität zu verleihen. Und wenn diese Identitäten jetzt aufeinander treffen, kommt es zwangsläufig dazu, dass die unterschiedlichen musikalischen Materialien miteinander reagieren.

NOW!: Die Geschichte von „Charlie Sharp“ ist nicht unbedingt leichte Kost. Immerhin spielt die Oper in einem Krankenhaus, in dem Kriegsinvaliden versorgt werden. Unter ihnen ist auch die Titelfigur Charlie Sharp, dem man nach der Explosion einer Landmine beide Beine amputieren musste. Wie haben Sie sich musikalisch diesen drastischen Schicksalen genähert?

S.H.: Ich bin von den starken Charakteren in dem Libretto von Philip Gourevitch ausgegangen, der ein amerikanischer Schriftsteller und Journalist ist. Wir hatten uns 1992 in einer Künstlerkolonie in New York kennengelernt. Und nachdem ich seine Kurzgeschichte „Mount Scopus“ gelesen hatte, die in dem gleichnamigen Krankenhaus in Jerusalem spielt, fragte ich ihn, ob er nicht daraus ein Libretto machen will. In seinem Textbuch begegnen wir sehr starken, Stefan Hakenberg aber nie überzeichneten Charakteren. Dieses Libretto ist daher nicht schwarz-weiß. Keine dieser Figuren ist einfach schlecht oder gut. Sie sind vielmehr sehr individuell. Das hat mir die Möglichkeit gegeben, sehr unterschiedliche Klangporträts zu schreiben. Eine große Rolle in der Musik spielt aber der Rhythmus, der von jeher für das Tänzerische steht. Nach einer Amputation der Beine ist das Tanzen nicht mehr möglich. Doch es gibt eben noch andere Formen des Tanzes. Und der Umgang mit Schritten bzw. Tanzschritten bildet da einen wesentlichen Kern in der Musik.

NOW!: „Charlie Sharp“ ist ja tagespolitisch hochaktuell. Dennoch stellt sich Frage, wie man Jugendliche mit so einem brisanten Stoff konfrontieren kann?

S.H.: Das hängt eben sehr von der Musik ab. Die Musik ist wie schon erwähnt sehr personenbezogen. Die Personen versuchen mit der Situation umzugehen. Sowohl Charlie, der seine Beine verloren hat, wie auch diejenigen, die mit ihm umgehen. Dazu gehören das Krankenhauspersonal und Menschen wie Charlies Freundin Estelle, die er von früher kennt, oder sein Kumpel Jonas, der das Fahrzeug, in dem auch Charlie saß, steuerte, als es auf die Mine fuhr. Es kommt immer wieder zu aufwühlenden Momenten und Begegnungen. Aber es sind immer Momente zwischen Menschen, in denen man versucht, ganz normal miteinander umzugehen. Es geht daher in „Charlie Sharp“ nicht nur um Krisengebiete und Kriegssituationen, sondern um die Frage, wie wir mit großen Verlusten umgehen. Und wie gehen wir mit Menschen um, die große Verluste erlitten haben. Von einem anderen Musikprojekt, das ich kürzlich in meiner Heimatstadt Wuppertal mit Jugendlichen gemacht habe, weiß ich übrigens, dass sich Schüler mit Verlusten in der eigenen Familie oder im Freundeskreis bereits erstaunlich intensiv beschäftigt haben.

NOW!: Wie sieht die Besetzung aus? Neben den Gesangspartien, die vom hohen Sopran bis zum Bassbariton reichen, steht das JugendZupf- Orchester NRW im Mittelpunkt.

S.H.: Ich habe das Zupforchester aber noch erweitert. Hinzu kommen ein Kammerorchester, Solobläser, Schlagzeug, Keyboards, Akkordeon und elektronische Klänge. Trotzdem ist die Musik nicht experimentell, sondern mit ihren Arien und dramatischen Szenen sehr opernhaft.

NOW!: Kann man etwa auch Anklänge an das 19. Jahrhundert, an die Romantik hören?

S.H.: Wenn Sie Anklänge hören wollen, würde ich mich über Kurt Weill freuen!

Das Interview führte Guido Fischer