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The Amputation of Charlie Sharp

Eine andere Essener Örtlichkeit führte in die Aura einer morbiden Post-Industriekultur. Im ehemaligen Salzlager der Kokerei Zollverein fand Stefan Hakenbergs uraufgeführte konzertante Oper „The amputation of Charlie Sharp“ ideale Voraussetzungen, um als beklemmendes Kammerspiel zu verstören. Mit dabei sind 40 Jugendliche, die ihr Gitarren- und Mandolinenspiel zum flirrenden orchestralen Motor des musikdramatischen Geschehens vereinten. Der Henze-Schüler Hakenberg entwickelt Tugenden seines großen Lehrmeisters weiter. Will sagen, dass die sehr textlastige Komposition ganz stark auf deklamatorischen Gestus angelegt ist. Das setzt ausgesprochen eindringliche Gesangssolisten in ein spektakuläres Licht – allen voran Stephanie Lesch als Krankenschwester und Marcelo Souza als Doktor. Zu Anfang stöhnen die kriegsverwundeten Hauptpersonen. An beklemmende Lazarett-Szenen von Remarque erinnert dieses Szenario – in dem der Protagonist Charlie Sharp aufwacht und gerade die Amputation seiner beiden Beine realisiert. Hakenbergs Oper nach dem Libretto von Philip Gourevitch zeigt ein klaustrophobisches soziales Miteinander in Abhängigkeit von schlimmen äußeren Umständen. Aber die Menschen leben weiter und lieben intensiv. Die unkonventionelle Besetzung dieses neuen Meisterwerks wird Henzes Anspruch gerecht, Musiker aus der Mitte der Gesellschaft – hier begabte jugendliche Laienmusiker – in den Dienst einer großen künstlerischen Sache zu stellen.

(Stefan Pieper, NMZ-online, 2014)