Zerrende Geister
für Violine, Viola, Cello, Kontrabass, Daegeum, Gayageum, und Bass-Koto

“La Gare de Perpignan” ist ein Gemälde Salvador Dalis. In ihm manifestiert sich unter anderem seine Interpretation von Jean-François Millets “L’Angélus”. Das Gemälde Millets wird von Dali auseinandergezogen, um-interpretiert und variiert. Millets Bauernpaar belädt in Dalis Gemälde Schubkarren mit Kartoffelsäcken. Die Formen der Säcke mögen wie Torsos erscheinen oder wie innere Organe. Die Szene ist so entwickelt und gemalt, dass die Grenzen zwischen den Menschen und den Säcken verschwimmen.

Verursacht durch eigene physische Erfahrungen mit Geistererscheinungen wurden für mich die Millet-schen Gestalten in der Interpretation Dalis zu Medien, und Dalis Szene begann sich in meinem Kopf noch weiter zu entwickeln. Die Säcke begannen sich selbstständig zu bewegen, mit den Bauern zu ringen und sie geisterhaft umherzuzerren.

Meine eigenen Geisterbegegnungen schockierten mich zunächst. Gleichzeitig aber riefen sie in mir auch das Bedürfnis mich den erschienenen Geistern zu nähern und mit ihnen intensiver zu kommunizieren hervor. Das war der Anstoß zur Komposition von “Zerrende Geister”. Mein Kompositionsprozess reflektiert diese Erfahrung und folgt dem Bedürfnis nach Annäherung vor allem durch ein Verzerren des Klanges der einzelnen Instrumente in die Klangräume jenseits der traditionellen Instrumentalklänge hinein, sowie durch das Nachgestalten des gewaltsamen Hin-und Hergezogenseins auf den Ebenen der Tonhöhen und des formalen Ablaufs des Stückes.

Im Jahr 2003 hat Il-Ryun Chung vom “AsianArt Ensemble” das New Yorker “New Millennium Ensemble” in einem Konzert gehört, in dem es “Zerrende Geister” in der Fassung für Klarinette, Cello und Klavier aufgeführt hat. Im vergangenen Jahr fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte eine neue Fassung von “Zerrende Geister” für das “AsianArt Ensemble” zu schreiben.

Diese neue Bearbeitung von “Zerrende Geister” für Violine, Viola, Cello, Kontrabass, Daegeum, Gayageum und Bass-Koto ist die dritte Version des Stückes. Das Bearbeiten von “Zerrende Geister” wird für mich zu einem Ritual, in dem ich immer wieder erneut die Klänge in der Komposition verzerre. Die besondere Instrumentation des AsianArt Ensemble, in der sich westeuropäische und fernöstliche Musiktraditionen treffen und überschneiden, hat mir hierfür einen besonders eigenen und anregenden Rahmen geboten.

(Stefan Hakenberg, 2015)